Ich brauch das Gekuschel einfach

Das wird hier wieder mal, nach längerer Zeit, so ein „über das Schreiben“-Beitrag. Und zwar, also.

Ich bin ja so wer, der SM-Zeug schreibt, weil meine Fantasie halt der einzige Ort ist, wo Sexualität so läuft, wie ich sie haben will. Das ist nunmal so, wenn du auf Männer stehst: Sehr viele von denen sind cis, und von cis-Männern bekommst du nicht einfach mal so das, was du willst oder gar bloß brauchst, an Konsens, an Aufmerksamkeit, an Interesse für deine Bedürfnisse, an selbstverständlicher Überzeugung, dass natürlich nicht bloß er seinen Orgasmus verdient, sondern du sehr wohl auch (wenn du den denn möchtest).

Was die Sache dann nicht einfacher macht, ist so ein Hang zu Non-Con-Fantasien, zu denen ich selbst ein eher schwieriges Verhältnis entwickelt habe, seit mein Ex fand, das mit dem Konsens einfach mal so im RL sein zu lassen. Das war keine SM-Beziehung, und das war vermutlich Teil des Problems. Mit BDSMlern redest du über Grenzen und Konsens und all sowas. Vanillas verstoßen einfach gewohnheitsmäßig gegen all die Regeln, die Sexualität für alle Beteiligten sicher machen. Weil das einfach patriarchaler Standard ist.

Nun, also, es ist eben so, es fiel mir eine ganze Weile sehr schwer, auch angesichts der Gewalterfahrungen von anderen Leuten, von denen ich erfahren, die ich gelesen habe etc, für mich selbst klar aufzudröseln, wie man das vernünftig unter einen Hut bringt. Einerseits Fantasien, in denen die Kommunikation über Konsens, Safewords etc. keine Rolle zu spielen hat, weil ich selbst empfinde, dass das ein Bremsklotz sein kann. In „Toujours – ein besonderer Klub“ habe ich das untergebracht, in einer Weise, die zu den Charakteren passt: Zwischen James als interessiertem Anfänger einerseits, und Lucas als jemandem, für den SM ziemlich elementarer Bestandteil des eigenen Lifestyles darstellt andererseits. Einigermaßen natürlich finde ich das an der Stelle, weil die zwei sich nicht sonderlich gut kennen, und es eben das ist, was ein verantwortungsvoller Top tun würde: Irgendeine Kommunikation aufbauen, um Grenzen abzustecken. Obwohl die Beteiligten im Grunde sogar Gedanken lesen können, gehe ich als Autor nichtmal in dem Fall davon aus, dass Gedankenlesen reichen würde. Und trotz dieser Kommunikation läuft ihre Session auch nicht unbedingt rund. Was ebenfalls bewusst so gelaufen ist, denn bei den Charakteren, die da aufeinanderprallen, wäre es einfach unrealistisch gewesen, dass eine erste Session der absolute Traum wird. Ich glaube im Übrigen auch nicht an perfekten Sex zwischen Fremden. Spannend, aufregend, Abenteuer, Kick etc, alles schön und gut. Aber gerade auf dem ziemlich breit gefächterten Feld des BDSM mit all seinen verschiedenen Nischen, über die eins sich oftmals sehr viel bewusster und besser informiert und interessiert ist als durchschnittliche Vanillas – wie soll das realistischerweise funktionieren? Insbesondere mit z.B. meinem Hintergrund, der schon vor dem Ex nicht leicht gewesen ist, oder wenn ich mir die Traumata anderer Leute ansehe – wie soll dir jemand, der*die dich nicht kennt, geben können, was du nicht bloß willst, sondern brauchst?

Ist übrigens auch alles ein Grund dafür, dass ich mir einen positiveren Umgang unserer Gesellschaft mit Sexarbeit wünschen würde. Im Idealfall sind das Leute, die ihr Hobby zum Beruf machen und sehr viel Sex haben, weil sie gerne Sex haben, und die dadurch zwangsläufig irgendwann sehr viel mehr Ahnung davon haben, wie guter Sex funktioniert. Im Idealfall geht es Sexarbeitenden bei ihrem Job so gut, dass sie frei sind, nein zu sagen, wenn sie jemanden als Kund*in nicht wollen. Leider arbeitet unsere Gesellschaft ständig daran, dieser Berufsgruppe ihren Job zu vermiesen und deren Arbeitsbedingungen so unangenehm und stressig wie nur möglich zu gestalten. So ein kaputter Mensch wie ich könnte einen Profi eigentlich ziemlich gut gebrauchen, um überhaupt mal positive Erfahrungen mit Sexualität zu machen. Einem Noob, so gern der mich hätte, wäre das einfach nicht zumutbar. Und selbst wenn es nett gemeint wäre, wahrscheinlich würde es schief laufen. So viel anders als bei einer Massage oder sonstigen Dienstleistungen ist das bei dem Thema auch nicht: Gefühle im Spiel machen den Umgang, auch den kritischen, nicht zwangsläufig leichter.

Okay, das war jetze eine gute Ecke OT. Worauf ich hinauswollte… Konsens vs. Non-Con in der Schreiberei. Der Bremsklotz durch das verbale Kommunizieren von Grenzen, den du dir ersparst, wenn Top sich einfach nimmt, was Top möchte, ohne Bottom zu fragen. Und Bottom wehrt sich dann, aus eigener Perspektive, ernstgemeint, und es braucht aber die Kommunikation auch gar nicht, weil, oh Wunder, am Ende sind alle happy. Aber das Problem dabei ist offensichtlich. Geschichten fungieren in einer Welt mit wachsender Einsamkeit AUCH als Vorbild. Und mit so einer Story, ohne bewusste Rezeption, hat mein Ex dann ein neues Vorbild, sich darauf verlassen zu können, dass schon alles okay sein wird, was ihm so einfällt, weil in Geschichten sind die Bottoms am Ende ja auch immer für alles dankbar und es war alles nicht so schlimm. Solche Vorbilder möchte man nicht erschaffen, als reflektierter, queer-feministischer Mensch. Und wenn man es doch tun möchte, braucht es einen Umgang mit Grenzen, der äußerst bewusst stattfindet. Irgendeinen Weg, das ernsthaft so zu differenzieren, dass nicht damit zu rechnen ist, dass irgendwem am Ende durch die schlechten Vorbilder ein Schaden entsteht.

Ein Lösungsvorschlag, den ich zum Thema mal gelesen habe, lautete in etwa „Fantasie und Realität sind nunmal sehr verschiedene Dinge“. Die Herangehensweise hat für mich persönlich einfach nicht funktioniert, aus mehreren Gründen. Einer davon: Als Chaos-Magier*in kannst du dir nicht einbilden, deine Gedanken und deine Fantasie seien vollkommen losgelöst vom Mindset, das du dann im realen Leben hast. Gedanken formen die Realität (mit), und wenn ich eine schwierige Passage in einer meiner Stories schreibe, ob das jetzt ein gutes Zeichen ist oder nicht, wirkt sich das sehr wohl auf mein eigenes Befinden auch im RL aus. Und am Vorbildcharakter ändert es mit einer solchen Randnotiz auch eher wenig, denn mal ernsthaft, die wird nach einer heißen Szene nicht das sein, was hängenbleibt. Wie geht das Ganze also miteinander einher. Nun.

Ich habe getan, was man als Chaos-Mage halt gefälligst tun sollte. Nein, nicht Drogen einwerfen, und damit braucht ihr mir auch nicht kommen. Forderungen nach Cannabis-Legalisierung hin oder her, wer eine Psychose-Neigung hat und das WEIß, sollte von sowas die Finger lassen. Insbesondere, wenn da draußen niemand außer dir selbst ist, der*die auch nur annähernd mit deinen Bewusstseinszuständen klarkommt und die erfasst – und zwar schon OHNE Substanzen. Nein, worauf ich hinauswill, sind dann doch eher die absoluten Basics: Selbstbeobachtung, Paradigmenwechsel, Tagebuch schreiben, Reflektieren. Wobei ich dann doch mal auf einen wesentlichen Unterschied gestoßen bin, der zumindest für mich die Non-Con-Fantasien von den im RL ganz schön beschissenen Non-Con-Erfahrungen abgrenzt. Und das ist schlichtweg der Faktor: Bei meinen Stories gibt es da immer noch MICH.

Ja, die Erkenntnis wirkt ziemlich banal. Und wenn man sich das RL-Universum als die Story eines Allmachts-Autors, mehr oder weniger gütig, vorstellt, führt auch dieser Gedankenweg sehr schnell in unschöne Gefilde, in denen jedes Leid, das dir zugefügt wird, stets bloß eine „Lektion“ sei, die dieser eigentlich sehr wohl gnädige Lehrer-Autor dir erteile. In absoluten Machtlosigkeitssituationen kann solche Allmachts-Gott-Ergebenheit helfen, denn sie vermittelt Kontrollgefühle, wo es keine Kontrolle gibt. Sehr häufig ist das Konzept in unserer Gesellschaft aber gerade NICHT hilfreich. Aber gut, das geht jetzt auch schon wieder tiefer als erlaubt, wenn man auch für nicht-Mages schreibt. Und während wir über den RL-Universums-Autor bloß spekulieren können, bin ich mir bei meinen Stories ja schon sehr sicher, dass ich mitspiele, mit allem, was und wer ich so bin.

Weniger banal wird unter dem Gesichtspunkt die Frage nach Konsens und Meta-Konsens. Wenn ich eine SM-Story schreibe, bin ich letztlich _alle_ Beteiligten. Ich bin ein bisschen Top, ein anderer Teil von mir ist ein bisschen Bottom, ein wieder anderer Teil von mir überwacht die innere Logik und den Weltenbau und stellt sicher, dass alle In-Story-Anteile in ihren Rollen, „in-char“ bleiben, wie man im Pen&Paper oder auf dem LARP sagen würde. Und, nunja. Worauf ein innerer Teil von mir, sofern er gesund arbeitet, ebenfalls achtet, ist, dass alles, was passiert, innerhalb meiner Grenzen bleibt. Wenn ich nicht will, dass Top Bottom überfordert, wird das schon nicht passieren. Wenn ich Bottom winseln sehen möchte, wird das passieren. Aber was ich nunmal sehr, sehr ungern tue, ist, meinen Charakteren auf einer gewissen Ebene mehr anzutun, als sie _wirklich_ kompensieren können. Oder, um es anders auszudrücken: Der eigentliche Top, der auf die Grenzen aller Beteiligten aufpasst, ist nicht der Char, der diese Rolle in der Szene spielt. Sondern das bin ich.

Ich will jetzt nicht behaupten, dass ich dabei neutral wäre. Ganz im Gegenteil, ich drifte manchmal schon sehr in eine Rolle ab. Letztlich sind es verschiedene Anteile von mir, die Dinge untereinander aushandeln, und wie sie das tun wiederum, ist dann ironischerweise nicht bloß meine eigene, freie Entscheidung. So fies z.B. auch die Story um André gewesen ist, den Siverio als mein sadistischer Anteil fertig macht, bis von seinem Leben kaum noch etwas übrig ist – auch das war ein Aushandeln, und ein Stück Rück-Gewinnen von Kontrolle, für mich. Mein eigenes Leben war zwar auf andere Weise zu der Zeit mies verlaufen. Aber am Ende hat es auch etwas von Verarbeitung, so etwas künstlerisch umzusetzen. Und das Ziel davon wird immer sein, dass es zumindest mir im Außen hinterher besser geht. Weswegen es selten passieren wird, dass meine Chars am Ende so ganz ohne eine Hintertür dastehen, die ihnen einen Anker bietet, mit den Dingen zurechtzukommen. Ich habe kein Interesse daran, Anteile von mir selbst wirklich und tatsächlich zu vernichten. Dafür reicht auch eine sadistische Ader nicht. So einfach ist das.

Ja, gut, das war jetzt alles ein recht langer Exkurs über Konsens vs. Non-Con in nicht-realen Welten. Was ich euch eigentlich bloß erzählen wollte: Auch wenn ihr sie selten unzensiert von mir zu lesen bekommt, in meinen Gedankenwelten und teils auch in nicht-öffentlichen-Szenen gibt es das Non-Con-Zeug bei mir, ist mir aber gleichzeitig oft zu peinlich, als dass ich irgendetwas davon so hier veröffentlichen würde. Und die letzte Woche habe ich also in einer WoW-Fanfiction mit einem schwulen Blutelfen-Pärchen verbracht, das sich einen menschlichen Sklaven hält und mit dem teilweise echt nicht sehr nett umgeht. Und, naja. Nachdem ich dann jetzt mal eine Woche bei der Quälerei zugesehen habe, habe ich gerade tatsächlich einfach kein Bedürfnis danach.

Also, ich brauch gerade kuschlige Leute. Und wo lande ich dann wohl, wenn nicht bei Lucas und Cassari im Toujours, weil die einfach sowas von mein Kuschel-Pärchen sind. Also, gut, man ist selten dabei, wenn sie über Konsens diskutieren, denn die machen das jetzt ein paar Jahrzehnte miteinander, und da reicht dann einfach mal ein bisschen Körpersprache, von der Zuschauende tendenziell nichts mitbekommen werden. Aber auch wenn Lucas sein Subbi mal blutig prügelt: Die zwei sind halt für mich einfach Kuschel-Faktor pur.

Wie oben erwähnt, ich habe beim Schreiben diese Kontroll-Instanz, die den Weltenbau überwacht. Auch wenn mein Shadow-Priest neulich sogar mal ein bisschen nett zu seinem Spielzeug gewesen ist: Das wird niemals Liebe sein oder werden, nicht so richtig. Aber manchmal muss auch Liebe halt mal sein. Und Kuscheln, und zwar richtig.

Am Ende hat die Schreiberei zumindest für mich halt immer auch ihren Zweck.

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